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Der biblische Titel
Die Bibel behauptet, daß im Anfang das Wort war. Das glaube ich nicht:
"Im Anfang war der Blick" formuliert schon im Titel eine Gegenthese.
Es ist ein Film über die Spannung zwischen zwei Kräften des Kinos:
der Kraft der Bilder und jener der Worte. |
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Bodo Hell
Bodo erschien mir von seiner Physiognomie her als der prototypische Darsteller
eines Wort- und Schriftmenschen, der er, als einer von Österreichs
bemerkenswertesten Autoren, ja auch ist. Im Film versucht Bodo, in die Welt
der Bilder einzudringen - er kommt aber nur bis in die Postkartenwelt, aus
der er immer wieder herausspringt, um die typisierten Klischeebilder mit
der Wirklichkeit zu vergleichen. |
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Schnittstelle Mensch / Landschaft
Ich wollte zeigen, wie der Mensch die Landschaft auffrißt und verdaut,
wie er sich von ihr ernährt, in sie eingreift, sich die Landschaft
untertan macht. Im Finale des Films wird in einer ironischen Gegenbewegung
der menschliche Protagonist selbst von der Landschaft kolonialisiert...
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Eisenerz und der Erzberg
In Eisenerz haben die Menschen den Konsum der Landschaft ziemlich direkt
und offen betrieben und den Berg von außen abgebaut. So steht jetzt
weithin sichtbar eine Art mexikanischer Stufenpyramide in der Alpenlandschaft:
der Erzberg. Das ist ein Kleinod, ein grandioses Bild, ein faszinierendes
Kultobjekt für Besucher. |
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Salzburg In Salzburg
dagegen haben die Menschen das Salz aus den Bergen rausgelutscht, und zwar
von innen. Dieses Aushöhlen hat sich auf die Architektur übertragen:
Salzburg ist zu einer Potemkin'schen Stadt geworden. Wenn man auf einen
Berg steigt und runterschaut, dann sieht man, daß die alten Barockbauten
entkernt und mit Aludächern versehen worden sind. Die alten Innenmauern
wurden entfernt, um mehr Etagen unterzubringen. Die Häuser sind also
hohle Zähne, auf denen oben nur mehr Alufolien draufliegen... gleichzeitig
ist die Stadt zu einem Bild ihrer selbst geworden, das man in allen Facetten
und Details auf Postkarten erwerben kann. |
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Objets trouvés - die Postkarten
Ich habe mehr als 15.000 Ansichtskarten auf Flohmärkten
und in Antiquariaten aufgelesen, 1.800 davon haben Eingang in den Film gefunden.
Die Konfrontation der alten, oft retuschierten Ansichten mit der Realität
führt zu plötzlichen Bergstürzen und anderen überraschenden
Momenten. Manchmal stimmt die Wirklichkeit mit der Postkarte überein,
aber oft sind dort, wo auf der Postkarte Berge stehen, in Realität
gar keine Berge zu sehen... |
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Postkarten-Idyllen Fotografien,
die dem Klischee österreichischer Alpen-Landschaften nicht entsprechen,
werden von den Postkartenherstellern konsequent retuschiert. Die österreichische
Postkarte ist gemütlich, sauber und meistens menschenleer. Sogar die
Skilift-Stationen sind scheinbar aus Holz, und die modernen Alpenhütten
sind im rustikalen Stil gebaut. Früher hat sich auf den Karten der
Stolz auf kühne Bergstraßen abgebildet - aber als auf den Rückseiten
immer häufiger von Verkehrsstaus die Rede war, sind die Straßen
von den Vorderseiten der Karten verschwunden. |
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Die zwei Seiten der Postkarten
Ursprünglich war ich auf der Suche nach starken Stadt- und Landschaftsbildern;
die Texte auf der Rückseite empfand ich eher als Störfaktor -
bis sich die Worte in den Film richtiggehend hineindrängt haben. Genauso
wie die Bild- und die Tonspur eines Films arbeitet jede Postkarte mit einer
Wort-Bild-Trennung, die sich auf den bebilderten Vorder- und den beschriebenen
Rückseiten manifestiert: Auf den Vorderseiten scheint immer die Sonne,
der Himmel ist blau - die Rückseiten erzählen vom Dauerregen.
Vorne ist die Welt eine Idylle, hinten geht die Rede von Skiunfällen
und gebrochenen Herzen - und nicht wenige alte Karten sind mit "Heil
Hitler" unterschrieben. |
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Die Sonne der Nazis In
Salzburg bin ich auf eine Karte gestoßen, auf der statt einer Sonne
das Hakenkreuz über der Stadt zu sehen ist. Der Absender hat draufgeschrieben:
"Diese Sonne scheint leider noch nicht über Salzburg". Als
ich das gelesen habe, ist mir ein Schaudern gekommen: die Karte wurde schon
1932 herausgegeben, und das von einem österreichischen Verlag. |
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Sound and Music "Im
Anfang war der Blick" ist ein Film ohne Dialoge - jedenfalls im konventionellen
Sinn des Wortes. Dafür ist er mit Texten richtiggehend durchsetzt:
an den Wänden hängen Gedichte von Bodo Hell und Ernst Jandl, auf
dem Kühlschrank erkennt man ein Haiku-Poem von Friederike Mayröcker.
Die Bild- und die Tonebene agieren als eine Art wechselseitiges Echo. Sprache,
Gedichte, Bilder und Musik greifen ineinander und fügen sich zu einem
vernetzten Ganzen. |
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Wort und Bild
Die Welt der Worte begleitet Bodo auf seiner Reise durch
die Österreich-Bilder, und die Buchstaben schleichen sich in den Film
ein und versuchen, sich immer mehr Platz zu verschaffen: sie flüstern
und schreien, und hin und wieder dreht sich eine Postkarte um, sodaß
man den Text lesen kann... |
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Kunst / Wissenschaft
Eine der Ausgangsstationen des Films war die Idee, Kunst
und Wissenschaft in einem gegenseitig befruchtenden Prozeß miteinander
zu verknüpfen. Am Beginn stand die Frage der Stadtforscherin Heidi
Dumreicher: kann man wissenschaftliche Ergebnisse als Inspiration für
einen künstlerischen Film verwenden? Das österreichische Wissenschaftsministerium
hat die Frage bejaht, das Filmprojekt unterstützt und in die österreichweite
Kulturlandschaftsforschung integriert. Ein Jahr lang habe ich mich mit den
Ergebnissen der Forschung zum Erzberg, zum Idealbild österreichischer
Postkarten und zur Frage verschiedener Geschwindigkeitssysteme in Kulturlandschaften
beschäftigt - und diese wissenschaftlichen Grundlagen in das Drehbuch
einfließen lassen. Das Spannende dabei ist, daß die Wissenschaft
im Film vom Zuschauer nicht als solche erkannt wird und auch gar nicht erkannt
werden soll... der Zuschauer ißt sozusagen den Film als Ganzes auf
- und dabei die Wissenschaft mit, ohne es zu bemerken. |
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Filmtechnik
Der Film ist abwechselnd im Einzelbild, mit sechs Bildern
pro Sekunde, in Zeitlupe und Zeitraffer gedreht. Bodo ist kein professioneller
Schauspieler und konnte deshalb nicht auf Befehl sein Gefühle so zeigen,
wie das der Film von ihm wollte. Deshalb habe ich ein Konzentrat von Bodo
belichtet: wir haben ihn mit sechs statt mit 24 Bildern pro Sekunde aufgenommen,
während er sich gleichzeitig vier Mal langsamer als in der Realität
bewegt hat. In der Geschwindigkeit von Bodos Bewegungen macht das im Film
keinen Unterschied, aber der Zuschauer sieht das vierfache Konzentrat von
Bodo Hells Gefühlsausbrüchen oder seinen Nachdenkfalten. In Eisenerz
und Salzburg hingegen rast die Zeit im Zeitraffer beschleunigt vorbei, um
an zwei Stellen in Super-Slow-Motion innezuhalten. "Im Anfang war der
Blick" ist ein Film über die filmische Zeit und den filmischen
Raum, über die vier Dimensionen des Kinos. |
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