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Die Ansichtskarte Die Ansichtskarte – korrekt: die Bildpostkarte – ist ein schillerndes Medium. Glied um Glied, wie entlang einer Kette, verändert sich mit der Zeit ihre Bedeutung. Zunächst wird sie hergestellt, um eine Landschaft zu adeln. Wenn sie dann verkauft wird, ist sie die Visitenkarte eines Ortes – eine Empfehlung für die Zukunft. Die Intention des Käufers ist es, sowohl die gute Wahl seines Urlaubsortes, als auch seinen Geschmack in der Motivwahl zu belegen. Wenn er sie schreibt, dann erklärt er dem Empfänger, dass er sich seiner erinnert, und dieser wiederum weiß, wenn der sie erhält, dass er vor anderen, die keine Karte bekommen haben, das Privileg genießt, Anteil nehmen zu dürfen am Glück des Reisenden. Wenn sie mit Magneten an einem Kühlschrank befestigt wird, dann hält sie die Beziehung zwischen den beiden wach, und wenn sie mit Nadeln an die Pinwand eines Arbeitsplatzes gesteckt wird, dann definiert sie diesen als Durststrecke, die zwischen den Stationen des schönen Lebens liegt. Im Schuhkarton, unter vielen anderen, ist die Ansichtskarte als Portal zur Erinnerung abrufbar; und wenn dieselbe verblasst und der Schuhkarton auf den Dachboden geräumt wird, dann vergibt man sich wenigstens noch nicht die Möglichkeit dazu. Wenn die Ansichtskarte auf den Flohmarkt kommt, dann ist sie von persönlichen Assoziationen weitgehend gelöst. An die Stelle ihres identifikatorischen Wertes tritt ein antiquarischer. Ihre Bedeutung ist nun bestimmt von einer Briefmarke, einem Stempel, einer Drucktechnik oder der Seltenheit des Motivs. Sie wird von Hand zu Hand gereicht, oder sie bleibt eine gewisse Zeit in der einen. Und sie kehrt womöglich an den Ort der Aufnahme zurück. Dort ist sie nun nicht mehr eine idealisierte Empfehlung für die Zukunft, sondern ein glaubwürdiges Dokument aus der Vergangenheit.
Heidi Dumreicher l Sergio Fant l Marcy Goldberg l Bodo Hell l Christoph Huber l Lilli Lička l Johannes Moser l Michael O'Pray l Hans Schifferle l Burghart Schmidt l Mika Taanila l Jean-Philippe Tessé l Barbara Wurm
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